Integration in den USA Schüler mit besonderen Bedürfnissen

Eine deutsche Austauschschülerin berichtet von erfolgreichen Integrationsprogrammen für behinderte Schüler in den USA. Und sie plädiert eindringlich dafür, dass in Deutschland endlich auch mehr geschieht.

Die USA sind bekanntermaßen ein multikultureller Staat mit vielen Minderheiten. Diese Minderheiten unterscheiden sich aber nicht nur durch ihre Herkunft, sondern auch durch verschiedene Anschauungen oder einfach durch Anderssein. Allerdings bestehen für viele Minderheiten gute Integrationsprogramme. Eines davon liegt mir besonders am Herzen: Die Eingliederung Behinderter in die Gesellschaft, genau genommen die Eingliederung behinderter Schüler in den Schulen.

¯ Behinderte Schüler im "normalen" Unterricht
In meiner Gastschule in Madison, Wisconsin, die ich während meines Austauschjahres besuchte, nahmen behinderte Schüler gemeinsam mit den anderen am Unterricht teil. Bereits am ersten Tag kam ich in Kontakt mit dieser für mich neuen Situation. Im Holzbearbeitungsunterricht stand neben dem Lehrer noch eine zweite Person vor uns Schülern: ein "Interpreter", der das Gesagte des Lehrers für die gehörlosen Schüler übersetzte. Das war eine Situation, die bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen hat, denn ich begann mir vorzustellen, wie es wäre, wirklich nur die Zeichen zu sehen und sonst nichts - nicht einmal den Lärm der Maschinen - zu hören. Es machte mir deutlich, was es eigentlich bedeutet hören zu können. Die gehörlosen Schüler nahmen ganz normal am Unterricht teil und wie ich bemerkte, unterhielten sich auch während der Pausen meine Mitschüler mit ihnen. Viele hatten "American Sign Language" als Kurs belegt und die Zeichensprache hatte dort so einen Stellenwert wie die anderen Fremdsprachen - man musste noch nicht einmal das Gebäude, geschweige denn das Land verlassen, um diese Sprache anzuwenden. Bei bestimmten Veranstaltungen wurden Lieder in Sign Language vorgeführt und beim Bankett der Fremdsprachen war Sign Language genauso vertreten wie Spanisch oder Französisch und in der Schule gab es viele lockere Beziehungen und Freundschaften zwischen Gehörlosen und Hörenden. Man kann wirklich nicht sagen, dass sie als Außenseiter behandelt würden. Als Nargess, ein gehörloses Mädchen, ihrer Krankheit, die ihr auch das Gehör genommen hatte, erlag, trauerte die ganze Schule. Außerdem fanden sich viele Schüler nach der Schule ein, wo im Gedenken an Nargess im Schulhof ein Baum gepflanzt wurde.

Neben den Gehörlosen gab es noch körperlich und geistig Schwerbehinderte, zu denen zwar nicht ein ganz so enger Kontakt wie zu den tauben Schülern bestand, die aber dennoch mit einbezogen waren. Zum Beispiel hielten sie sich beim Lunch zusammen mit uns im gleichen Esssaal auf. Ich muss eingestehen, dass mir am Anfang schon ein wenig seltsam zu Mute war. Es ist manchmal ja nicht so ein angenehmer Anblick, ihnen beim Essen zuzusehen, zumal das alles für mich vollkommen ungewohnt und neu war.

Doch mit der Zeit fällt einem das gar nicht mehr auf. Sie gehören einfach dazu. Ich muss sagen, während meines ganzen Jahres habe ich nie erlebt, dass einer der Schüler einen Behinderten irgendwie ausgelacht oder verspottet hätte! Aber ich merkte auch: wenn man sich zusammen auf so engem Raum aufhält, und dies einfach Normalität ist, die Berührungsängste mehr und mehr überwunden werden.

Es ist aber eben wichtig, dass die behinderten Menschen integriert werden - nicht nur für sie, sondern auch für die anderen. Denn nur durch den direkten Kontakt kann man die Berührungsängste abbauen und lernt mit ungewohnten Situationen fertig zu werden. Das stellt also eine Bereicherung für beide Seiten dar.

¯ Viel mehr getan als in Deutschland
Auch wenn in den USA nicht jede Schule so ein ausgezeichnetes Disabled-Integration-Program hat wie La Follette, meine High-School, so wird doch viel mehr für behinderte Menschen getan als hier in Deutschland. Meine deutsche Schule, das Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium, ist zum Beispiel auf Behinderte eingerichtet, mit entsprechenden Toiletten, Aufzug, breiten Türen - und trotzdem haben wir nicht mal einen einzigen Rollstuhlfahrer an der Schule. Warum haben wir keine Behinderten an der Schule?

Natürlich kann nicht von heute auf morgen so ein Behinderten-Programm eingerichtet werden, wie das an La Follette. So was muss gut geplant werden. Auch in den USA ging das nicht von heute auf morgen, sondern ist über die Jahre zu dem herangewachsen, was heute ist.

1975 wurde in einem Federal Law (Bundesgesetz - d. Red.) niedergeschrieben, dass alle Schüler im Lande ein Anrecht auf freie und für sie passende öffentliche Ausbildung haben. Damit begann die Integration behinderter Schüler in die öffentlichen Schulen. Am Anfang wurden die Schüler zwar im selben Gebäude, aber noch in getrennten Räumen unterrichtet. Nach und nach wurden sie jedoch mit in die normalen Klassenräume und Unterrichtsstunden einbezogen. Am Anfang waren das meistens noch Schüler mit starken akademischen Fähigkeiten. Doch über die Jahre haben besondere Interessengruppen, Eltern und auch die Schüler selbst dafür gekämpft, dass für alle Schüler gleichermaßen ein Platz im normalen Klassenzimmer sein soll.

1997 wurde dieses spezielle Gesetz zur Ausbildung erneut festgelegt und es fordert nun noch stärker die Integration behinderter Schüler. Dieses Gesetz nannte man IDEA '97, was für "Individuals with Disabilities Education Act" steht. Es wurde also zuerst gesetzlich eine Grundlage gelegt, bis diese Integration vorgenommen werden konnte und wie bereits erwähnt, fanden sich dann auch Bürgerinitiativen oder einfach Schüler und Eltern, die bereit waren, sich dafür einzusetzen.

¯ Persönlicher Ausbildungsplan
An La Follette HS hat jeder Schüler, der eine spezielle Ausbildung erhält, seinen persönlichen Ausbildungsplan (IEP-individual education plan), in welchem festgelegt ist, von welcher Art seine/ihre Ausbildung sein wird und wer für seine/ihre Bedürfnisse helfend zur Seite stehen wird. Das Behinderten-Department umfasst eine Vielzahl Angestellter, wie Interpretierer für Gehörlose, Lehrer und pädagogische Assistenten.

An La Follette gibt es 300 Schüler, die besondere Ausbildung erhalten. Manche von ihnen besuchen nur Klassen mit Schülern zusammen, die nicht behindert sind, und brauchen nur wenig oder keine gesonderte zusätzliche Hilfe. Andere nehmen Interpretierer, Tutoren und flexiblere Zeitspannen für Tests, Projekte und Hausaufgaben in Anspruch. Manche Schüler sind nur in Klassen mit besonderer Ausbildung und besonderen Lehrern. Ein paar Schüler sind so schwer behindert, dass sie kaum eine Ausbildung erhalten können; sie werden jedoch versorgt und verbringen den Tag zusammen mit gleichaltrigen Kameraden.

¯ Den Rückstand aufholen
Deutschland ist hinsichtlich Integration von Behinderten noch weit hinterher und es sollte einiges getan werden, um den Zustand zu verbessern. Es gibt nur sehr wenige Integrationsklassen und Behinderte können hier aufgrund ihrer Behinderung nicht am normalen Unterricht teilnehmen, sondern besuchen je nach Behinderungsart verschiedene Sonderschulen.

Um die Integration behinderter Schüler in unseren deutschen Schulen umzusetzen, wäre es daher wichtig, ein Gesetz zu erlassen, das vorstehende Kritik zukünftig nicht mehr rechtfertigen würde. Ein Integrationsangebot müsste daher in allen Schulgesetzen verankert sein, und auf Bundes- und Länderebene müssten Gleichstellungsgesetze verfasst werden, die die Behinderten aus ihrer "Bittstellerrolle" herausholen. Dies wäre erst einmal als gemeinsame Basis notwendig, auf der dann weitere Projekte und Konzepte aufgebaut und durchgeführt werden könnten. Natürlich können nicht sofort in allen Schulen Integrationsklassen eingerichtet werden. Auch in den USA haben nicht alle Schulen ein so gutes Behindertenprogramm wie La Follette.

Es wäre also günstig, wenn netzartig über Deutschland verteilt solche Integrationsschulen zu finden wären, die dann von den Betreffenden auch gut zu erreichen sind. Eine Kommission sollte dafür verantwortlich sein, diese Schulen auszuwählen. Mit gezielten Konzepten und vielleicht auch finanzieller Förderung solcher Schulen könnte ein Anreiz gegeben werden, die Veränderungen vorzunehmen bzw. könnte mit Schulen begonnen werden, die sich vielleicht auch freiwillig zur Verfügung stellen. Die Integration sollte langsam angegangen werden. Es könnte damit begonnen werden, dass man die Behinderten zu Anfang im gleichen Gebäude unterbringt und so nach und nach den Unterricht stundenweise zusammen abhält, bis behinderte und nichtbehinderte Schüler in allen möglichen Fächern gemeinsam unterrichtet werden.

Man sollte die Schüler aber auch durch Vorträge und Projekte vorbereiten. An La Follette führte zum Beispiel der Psychologiekurs ein Experiment durch, bei dem die Schüler je einen Tag im Rollstuhl zubrachten, den ganzen Tag also mal von einer ganz anderen Perspektive aus durchlebten. So erfuhren sie hautnah, mit welchen Problemen ein gehbehinderter Mensch fertig werden muss. Zudem wäre es gut, wenn Fachleute Vorträge und Projekte initiieren würden, die den Nichtbehinderten die Angst nehmen und ihnen Tipps vermitteln, wie sie sich in verschiedenen Situationen gegenüber behinderten Menschen verhalten sollten.

Auch wäre es gut, wenn Zeichensprache als ein Unterrichtsfach eingeführt werden würde. Es muss ja nicht gleich ein Hauptfach sein, aber wie die Schüler z.B. nur in der fünften und sechsten Klasse Werkunterricht haben oder nur in der zehnten Astronomie, könnte man doch für 1 oder 2 Jahre Zeichensprache als Fach in den Lehrplan einbauen - und die Möglichkeit anbieten, seine Kenntnisse wahlweise durch weitere Jahre, z.B. in der Kursstufe, zu vertiefen. Dadurch wäre eine Beziehung zu den Gehörlosen und eine Verständigung überhaupt möglich. Im Unterricht könnten Interpretierer dem Lehrer zur Seite stehen und Videos mit Untertiteln gezeigt werden - wie eben in den USA auch. Abgesehen von ein paar baulichen Veränderungen in der einen oder anderen Schule und der Anstellung von Interpretierern ist die Integration gehbehinderter und gehörloser Schüler relativ unproblematisch.

¯ Schwerbehinderte Schüler  
Die Integration schwerbehinderter Schüler wäre mit etwas größerem, aber nicht unüberwindbaren Aufwand verbunden: Es müssten eventuell zusätzliche Räume gefunden bzw. gebaut werden, Sonderpädagogen (evtl. Doppelbesetzung einer Klasse mit Lehrer und Sonderpädagogen) eingestellt werden bzw. die Lehrer sollten Fortbildungsseminare für Sonderpädagogik besuchen. Der Einsatz von Sonderpädagogen, Interpretierern, Therapeuten etc. würde neue Arbeitsplätze schaffen.

Für die Finanzierung böten sich verschiedene Möglichkeiten an: Integration sollte ein fester Bestandteil der Bildungspolitik und dadurch auch vom Kultusministerium finanziell gestützt werden. Außerdem könnten größere Betriebe, Einrichtungen (z.B. Kirchen) Stipendien oder Teilstipendien an Schüler vergeben, um ihnen z.B. den Collegebesuch zu ermöglichen. Auch wäre ein Fonds hilfreich, in welchen der Erlös von Benefizveranstaltungen, Spenden und die Unterstützung wohlhabender Persönlichkeiten einfließen würde, die bereit sind, das Integrationsprojekt mit zu tragen. Vielleicht könnte auch ein Verein gegründet werden, der es als Aufgabe ansieht, das Integrationsprojekt in verschiedener Weise zu unterstützen.

¯ Förderung geistig Behinderter  
Auch wenn etwa die Integration geistig Behinderter und Lernbehinderter in den normalen Unterricht nicht in allen Schulen möglich ist, so bedeutet dies aber nicht, dass diese Schüler außen vor bleiben müssen. Sie können im selben Gebäude untergebracht sein und Kontakt zu den Nichtbehinderten außerhalb der Unterrichtsstunden haben, z.B. beim Essen, im Bastel-Club oder auf besonderen Veranstaltungen. Auch dafür könnten wieder besondere Konzepte erstellt werden. Zum Beispiel die Gründung einer Aktiengesellschaft, die sich gezielt für die Behinderten einsetzt und sich um sie kümmert und ihnen hin und wieder was bietet oder etwas mit ihnen unternimmt (Tierparkbesuch, Drachen basteln ...). Es könnten auch gezielt Patenschaften übernommen werden, d.h. ein bestimmter Schüler kümmert sich (z. B. für eine bestimmte Zeit) um einen bestimmten Behinderten. Während die nichtbehinderten Schüler im Unterricht sind, erfahren die geistigbehinderten gezielte Ausbildung bzw. Therapie von Sonderpädagogen und Therapeuten.

¯ Ende der Isolation
Durch diese Maßnahmen besteht nun ein Kontakt zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Den behinderten Menschen kann man dadurch aus ihrem vielleicht ziemlich isolierten Leben heraushelfen, sie in die Gesellschaft mit einbeziehen und ihnen verbesserte Lebensqualität ermöglichen.

Doch nicht allein den behinderten Menschen wäre dadurch gedient, sondern es gibt für beide Parteien eine Bereicherung, möchte ich behaupten - und auch für die ganze Gesellschaft. Man lernt Berührungsängste abzubauen, Toleranz dem anderen gegenüber, man übernimmt soziale Verantwortung, man lernt, dass viel mehr Spaß mit Behinderten möglich ist, als man vielleicht denkt, und dass sie im Grunde genommen genauso Menschen sind und nicht so viel anders als du und ich.

Außerdem kann man auch im späteren Leben viel ruhiger und überlegter mit solchen Situationen umgehen und bleibt nicht stehen und starrt die behinderten Menschen an, was heute teilweise auch bei vielen Erwachsenen noch zu beobachten ist. Mit der Integration würde man auch der zunehmenden sozialen Kälte in unserer Gesellschaft entgegenwirken und lernen, wieder mehr auf seinen Mitmenschen zu sehen.

¯ Die menschliche Seite betrachten
Man sollte einfach die menschliche Seite betrachten und sich nicht von Unbequemlichkeiten oder Geldfragen leiten bzw. von einer solchen Veränderung unserer "bestehenden gesellschaftlichen Ordnung" abhalten lassen. Was wäre, wenn ich oder du nicht so geboren wären, wie wir sind, sondern vielleicht mit einer Behinderung? Oder wenn wir durch einen Unfall (z.B. im Kleinkindalter) behindert geworden wären? Gibt es eine Garantie, dass wir oder unsere Familien und Freunde nicht auch einmal in solch eine Situation geraten, selbst hautnah mit solchen Schwierigkeiten und Ausgrenzungen zu kämpfen haben, wie die behinderten Menschen. Würden wir nicht alles tun, um ihr "Los" zu erleichtern? Wir sollten einfach mal darüber nachdenken und unser Gewissen, unsere menschlichen Züge aufrütteln lassen und etwas für diese unsere Mitmenschen tun.

Lydia Roßner

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Letzte Aktualisierung dieser Seite am: 12.12.2003


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